Blending: Priva(rbei)t

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Work-Life-Blending statt Work-Life-Balance – Arbeit als Baustein eines sinnerfüllten Lebens

Motivation durch das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben – das ist out. Work-Life-Balance verfestigt den künstlichen Gegensatz zwischen Work und Life. In innovativen Firmen geht der Trend zum Blend.

 

In der Mischung liegt die Zukunft

Die Trennlinie zwischen Arbeit und (Privat-)Leben wird immer unschärfer – das gilt insbesondere für Leistungsträger, die nicht länger bereit sind, zwischen den Faktoren „Arbeit“ und „Leben“ zu differenzieren und deswegen keine Balance zwischen ihnen anstreben. Welches Maß sollte dabei auch gelten? Acht Stunden Zeit für den Job, ganz klassisch von 9 bis 17 Uhr, und dann dieselbe Anzahl von Stunden für die Familie?

Aus diesem Grund verfangen Motivationskonzepte, die auf Work-Life-Balance hinauslaufen, bei den Leistungsträgern immer seltener. Meistens handelt es sich dabei um Selbstcoacher, die ihr Leben – beruflich und privat – eigeninitiativ lenken wollen und darum eine Mischung zwischen Work und Life wünschen. Für sie ist es nichts Außergewöhnliches und Belastendes, während des Joggens die Agenda fürs nächste Meeting aufzustellen. Oder beim Meeting in der Pause die Mails zur abendlichen Party zu beantworten – auf der eine Arbeitskollegin erscheint, mit der in Ruhe ein paar offene Punkte zum nächsten Großprojekt besprochen werden können.

 

Rahmenbedingungen verändern

Work-Life-Balance versteht Arbeit und Leben als Pole, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, das leuchtet vielen ein. Selbstcoacher hingegen wollen Vergnügen auch bei der Arbeit und erwarten nicht, dass das Privatleben immer nur lustig ist. Sie kreieren sich ihren persönlichen Work-Life-Blend, indem sie die Bereiche vermischen. Für sie ist der Feierabend nicht die Sehnsucht des Tages und der Sommerurlaub das Highlight des Jahres. Denn sie betrachten die Arbeit nicht als fremdbestimmtes Tun gegen Bezahlung, sondern als einen wichtigen Baustein für ein mit Sinn erfülltes Leben.

Ob es um die Selbstmotivation geht oder die Motivationsarbeit der Führungskraft: Work-Life-Blending erfordert ein Umdenken; die Unternehmen müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Konkret: Selbstcoacher suchen anspruchsvolle Arbeitsaufgaben, die ihren Fähigkeiten entsprechen und zu ihren Werten passen, während sie sich im Privatleben gerne von anderen unterstützen lassen und ihre Hobbys und Freundschaftsbeziehungen pflegen. Die Motivationskonzepte im Unternehmen sollten daher darauf abgestimmt sein, dass dieser Blend auch organisatorisch eine Option ist.

 

Das Unternehmen muss mitspielen

Wenn das Unternehmen es seinen Führungskräften und Mitarbeitern aus motivatorischen Gründen ermöglichen will, Ballett-Aufführung und Fußballspiel der Kinder selbst dann zu besuchen, wenn dies nachmittags in der Woche stattfindet, muss es sich von der Präsenzkultur verabschieden. Wenn diejenigen Mitarbeiter verlieren, die als Erste das Büro verlassen, hat der Blend keine Chance. Klar ist: Es ist ein gewisser Aufwand notwendig, um Work-Life-Blending zu ermöglichen.

Auf der anderen Seite dürfen die Firmen den Trend zum Blend nicht ausnutzen und sich über Gebühr in das Privatleben der Mitarbeiter einmischen. Kontraproduktiv ist überdies die Erwartung, der Mitarbeiter stehe nun rund um die Uhr zur Verfügung. Das erzeugt Stress und produziert bei den Menschen Widerstände.

 

Vertrauenskultur etablieren

Auch in der Blend-Kultur ist es erforderlich, Vertrauen auf allen Ebenen zu schaffen. Immerhin erhält der Mitarbeiter jetzt Freiheiten, die er zu Ungunsten der Firma ausnutzen könnte. Bei überzeugten und „echten“ Selbstcoachern besteht diese Gefahr allerdings nicht – sie betrachten Arbeit als einen wesentlichen Bestandteil ihres Lebens, den es nicht nur hinter sich zu bringen gilt. Im Gegenteil: Sie belohnen den Vertrauensbeweis des Unternehmens und die Chance, den Blend zu verwirklichen, oft mit außergewöhnlichen Leistungen – wohl wissend, dass der Blend ihnen optimale Möglichkeiten zur beruflichen und privaten Weiterentwicklung bietet.

Um es auf den Punkt zu bringen: Gelungener Blend schafft für Firma und Menschen eine Win-win-Situation – alle Beteiligten profitieren gleichermaßen.

 

Den Blend kreieren

Work-Life-Blending muss von den Unternehmen ermöglicht, aber von den Führungskräften und Mitarbeitern kreiert werden. Sieben Regeln helfen den Selbstcoachern dabei:

  • Regel 1 – Prioritäten setzen: Sie sorgen für Klarheit und Struktur, sie geben Orientierung und die Richtung vor. Was ist wirklich wichtig? Selbstcoacher reflektieren regelmäßig ihre Prios und leiten Aktivitäten aus ihnen ab, die zur Zielerreichung führen.
  • Regel 2 – Veränderungen vornehmen: Selbstcoacher sind flexibel, ohne ihre Prioritäten zu vernachlässigen.
  • Regel 3 – Zeit nutzen: Selbstcoacher haben 168 Stunden pro Woche, um ihre Ziele zu erreichen. Was zählt, ist das Ergebnis, nicht, dass es zu einer festgelegten Zeit erreicht wird.
  • Regel 4 – „nein“ sagen: Selbstcoacher können gut „nein“ sagen. Ihr Fokus liegt auf ihren Prioritäten. Sie sagen jedoch nicht einfach nur „nein“, sondern bieten denjenigen, die sie mit etwas beauftragen wollen, eine Alternative.
  • Regel 5 – Alternativen finden: Work-Life-Blending setzt exzellentes Networking voraus. Selbstcoacher wissen, bei wem eine Aufgabe besser aufgehoben ist, und darum beherrschen sie die Kunst der Delegation.
  • Regel 6 – Transparenz: Selbstcoacher teilen ihr Wissen großzügig mit anderen. Das stärkt wiederum ihr Netzwerk. Wissen mitteilen – das heißt auch, Privates über sich zu erzählen. Kollegen und Chefs können nur Rücksicht nehmen, wenn sie wissen, „was zu Hause los“ ist und welche Prioritäten der Selbstcoacher gesetzt hat.
  • Regel 7 – gesunde Lebensweise: Selbstcoacher gehen achtsam mit sich um – und wollen ihre Produktivität erhalten.

 

Ausblick

Künftig wird es auf die Art und Weise ankommen, mit der Führungskräfte ihre Mitarbeiter behandeln: Motivieren sie alle über einen normierten Kamm? Oder bieten sie jedem Einzelnen eine individuelle Umgebung, in der sich jeder so einbringen kann, dass Unternehmen und Mitarbeiter einen Gewinn davon haben?

 

Dieser Beitrag ist erschienen im Magazin von unternehmer.de, Ausgabe 03/2015, S. 10-12 und 28

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