Buchen Sie kein Seminar!

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Mein Tipp für Juli

Der Teamleiterin brummt der Kopf. Gerade wieder ein überlanges Gespräch mit einer Mitarbeiterin geführt, die die Angewohnheit hat, ständig alles tausendmal zu wiederholen. „Jede Diskussion mit ihr dreht sich an einem Punkt nur noch im Kreis“, erklärt sie der Personalleitung, bei der sie für diese Mitarbeiterin ein Kommunikationsseminar erwirken will. „Erst sagt sie lange nichts und dann wiederholt sie sich, bis alle die Augen verdrehen.“

„Den kann ich doch nicht auf Kunden loslassen!“, murrt der Abteilungsleiter. Einer seiner Mitarbeiter ist einfach unfähig, eine Präsentation zu halten, bei der man nicht einschläft. „Er schafft es, auch das spannendste Thema so rüberzubringen, dass alle froh sind, wenn es endlich vorbei ist.“ Ein Präsentationsseminar muss her!

Genau wie es bei der Mitarbeiterin, die sich ständig verfranst, ein Zeitmanagement-Seminar richten soll. Die Rezeptionistin, die zu oft Anrufer durchstellt, bekommt ein Telefontraining. Die junge Führungskraft, die Konflikte im Team ignoriert, eine Führungskräfte-Schulung. Anschließend wird dem Team noch ein Teambuilding verpasst.

 

Seminare sind ungeeignet

Das alles kostet. Geld und Zeit. Und ist oft wirkungslos. In jedem Seminar sitzen Teilnehmer, die die Lösung für ihr Problem dort nicht finden werden. Der Grund: Seminare sind ungeeignet für sensible, persönliche Anliegen.

Warum ist die Mitarbeiterin erst still und dann penetrant? Warum verpatzt der Kollege seine Präsentationen? Warum verfranst sich die eine Kollegin, während die andere Anrufer nicht abwimmeln kann? Warum scheut die Führungskraft Konflikte?

Was steckt dahinter? Diese Frage wird viel zu selten gestellt. Stattdessen soll ein Seminar unerwünschtes Verhalten abstellen oder neues, verbessertes Verhalten trainieren. Die Idee, dass genau das Verhalten gute Gründe hat, kommt entweder gar nicht auf oder wird als absurd abgetan. „Was kann daran schon gut sein, wenn jemand alles tausendmal wiederholt?“ Es wäre auch zuviel verlangt von Vorgesetzten, herauszufinden, was die Ursache für das anstrengende Verhalten der Mitarbeiter ist. Dafür gibt es Profis. Das sind in Fällen wie diesen aber nicht Trainer, sondern Coaches.

 

„Ich langweile immer alle“

Coachings erreichen in kürzerer Zeit bessere Ergebnisse. Unternehmen könnten viel Geld sparen, wenn sie Mitarbeiter nicht einfach in standardisierte Seminare schicken würden.

Sobald eine Führungskraft den Verdacht hat, das keins der verfügbaren Seminare wirklich passt, ist der Moment gekommen zu überlegen, ob ein Seminar überhaupt das Richtige ist.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Mitarbeiterin, die sich ständig wiederholt, das als ihr Problem im Seminar angibt? Wer würde vor großer Runde sagen: „Ich langweile immer alle zu Tode, deshalb bin ich hier“? Der Rezeptionistin ist höchstwahrscheinlich gar nicht klar, dass sie zuviele Anrufe durchstellt und warum. Wie soll sie da zu Beginn des Seminars einen Lernwunsch formulieren?

Diese Anliegen sind viel zu persönlich, um sie in einem Seminar vor anderen Teilnehmern zu besprechen. Mal ganz abgesehen davon, dass Seminare einer vorgegebenen Struktur folgen, die nicht mal eben so ein Dutzend individueller Fälle integrieren kann. So sitzen diese Teilnehmer also da und versuchen irgendwas aus dem Seminar mitzunehmen. Das gelingt ihnen auch. Es ist nur nicht das, was sie brauchen.

 

Mit dem Hammer Fenster putzen

Gerade wenn der Veränderungswunsch von anderen angestoßen wird („Du musst was ändern, sonst…“), Mitarbeiter damit konfrontiert werden, dass es so nicht weitergeht, dass sie besser, schneller, effektiver, kommunikativer, proaktiver, empathischer, mutiger, eloquenter oder sonstwas werden sollen, sind Seminare, Workshops oder Trainings so geeignet wie der Hammer zum Fensterputzen. Auch in Premium-Qualität ist er in diesem Fall das falsche Mittel.

Hochindividuelle Anliegen, sensible Themen und sehr persönliche Fragen gehören nicht in Seminare. Sie können nur unter vier Augen oder in einem Gruppen-Coaching geklärt werden. Was übrigens oft nicht nur zur Lösung führt, sondern langfristig die Selbstwirksamkeit stärkt.

 

Hier können Sie die bisher in diesem Jahr erschienenen Tipps nachlesen

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

 

Bild: Matthias Buehner, Fotolia