Hängematte fürs Ego

By Oktober 5, 2015Selbstcoaching
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Es gibt immer so viel zu tun: bei der Arbeit, im Haushalt, für Familie, Gesellschaft, für die Welt. Und es tut ja auch gut, viel zu tun, nützlich zu sein, Anerkennung zu bekommen. Es sei denn, wir vergessen, was wirklich zählt.

„Wie geht’s?“ – „Gut.“

„Du siehst müde aus.“ – „Nö, nö, alles gut.“

 

Kennen Sie auch so jemanden, dem man von hundert Metern Entfernung ansieht, dass der Akku leer ist, der aber tapfer lächelt und so tut, als wär alles in Ordnung? Ich hab neulich eine solche Person getroffen: Toll, wie die sich für andere eingesetzt hat, was sie auf die Beine gestellt und bewirkt hat. Ihre Mitmenschen haben schon leichte Komplexe gekriegt, weil keiner annähernd so etwas bewerkstelligt hat. „Ich bewundere das, vor allem, weil ich selbst das nicht schaffe“, war zu hören.

Die Kehrseite – zumindest bei dieser Frau – war, dass sie eine Infektion einfach mit durch ihre zahllosen Projekte geschleppt hat, ohne zum Arzt zu gehen. Keine Zeit. Nicht wichtig genug. Solange man noch stehen kann, wird weitergemacht.

„Are you too busy to go to the restroom?“, enthüllte vor ein paar Jahren die Huffington Post Strategien (wenig trinken), eigene Bedürfnisse zu unterdrücken, die den Eifer unterbrechen könnten.

Dabei gilt gerade für Helfernaturen, dass sie für sich sorgen sollten, um überhaupt in der Lage zu sein, etwas für andere zu tun. Oder mit meinem Lehrmeister Gunther Schmidt zu sagen: „Wenn es einem meiner Seminarteilnehmer besser geht als mir, dann stimmt was nicht!“ Weniger überspitzte Botschaft: Als Trainer und Berater ist es meine Pflicht dafür zu sorgen, dass es mir optimal gut geht. Ansonsten bin ich nicht in der Lage, andere zu unterstützen.

Und das wiederum trifft nicht nur auf Helfernaturen zu, sondern auf alle, die Verantwortung tragen.

Das ist übrigens überhaupt nichts Neues, steht schon in der Bibel und dafür muss man nicht gläubig sein: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Überhört wird dabei nur oft die Einladung, nicht nur für andere, sondern eben auch für sich selbst gut zu sorgen. Stattdessen betreiben wir genüsslich Raubbau an unseren Ressourcen, ob in Projekten für andere oder für das Unternehmen, die Arbeit oder sogar die Freizeit.

Talkshow-Moderator zum Gast: „Auf Ihrer Reise durch die Wüste wurden Sie entführt, ausgepeitscht, gesteinigt…“

Gast: „Ach wissen Sie, andere hatten gar keinen Urlaub.“

Alles halb so wild! Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Nicht jammern! Durchhalte-Parolen, die nur ein Entweder-Oder kennen: Entweder jammere ich, dann bin ich nutzlos. Oder ich beiße die Zähne zusammen und bewerkstellige etwas Anerkennenswertes. Wie kann ich mir etwas gönnen, während es anderen schlecht geht? Wie kann ich eine Pause machen, wenn bei der Arbeit die Zeit drängt? Wie kann ich mich schonen, wenn es doch soviel zu tun gibt?! Eins geht nur. Entweder, oder.

Selbstcoaching ist wie eine Hängematte fürs Ego. Für Selbstcoacher gibt es kein Entweder-Oder, sondern nur ein Sowohl-als-Auch: Ich kann sowohl auf mich selbst achten als auch auf andere. Ich kann sogar gleichzeitig Stärke zeigen als auch Schwäche. Ich kann andere unterstützen und darf mir trotzdem helfen lassen. Ich tue sowohl mir etwas Gutes tun als auch anderen.

In der Hängematte liegen UND produktiv sein – sogar das geht und ganz ohne schlechtes Gewissen!

 

Foto: Ubackdrop