Mein Tipp für Juni

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Die Qual der Wahl oder: Hilfe, ich kann mich nicht entscheiden!

Richtig mies ist das, wenn man sich entscheiden muss, aber nicht kann. Wenn für beide Varianten viel spricht – aber auch viel dagegen. Nehme ich den neuen Job oder bleibe ich bei dem, was sich bewährt hat (aber inzwischen langweilig ist)? Soll ich ins Ausland gehen oder nicht? Eine Familie gründen oder den nächsten Karriereschritt gehen? Oder beides?

Folge deinem Herzen, so heißt es oft. Aber was, wenn die Qual im Kopf sitzt oder im Bauch? Einfach ist es nicht sich zu entscheiden, vor allem dann nicht, wenn man nicht alles haben kann.

Alles zu wollen, kann ich total gut nachvollziehen. Warum auch nicht? Manchmal ist mehr möglich als wir mit unserer Entweder-Oder-Logik erwarten. Warum sich schon von vorherein beschränken, bevor überhaupt geklärt ist, was geht?

Überhaupt: Mit Entweder-Oder kommen wir oft genug nicht weiter, wenn wir die Qual der Wahl haben, auch wenn es sich nur um zwei Lockrufe handelt. Denn: Wenn die eine schwarz und die andere weiß ist, habe ich kein Entscheidungsproblem. Muss ich mich zwischen dem Strafzettel und dem Lotto-Gewinn entscheiden, ist die Sache klar. Kaum jemand würde darin eine Zwickmühle sehen.

Anders sieht es aus, wenn ich hin-und hergerissen bin zwischen zwei oder mehr Angeboten. Da kann man förmlich die Stimmen hören, die für die eine Idee plädieren, während wiederum andere dringend davor warnen und stattdessen die Vorzüge ihrer Präferenz rühmen. Schnell kommen wir dann zu dem Schluss, nicht ganz dicht zu sein. Hilfe, ich höre Stimmen!

Überhaupt gelingt es uns immer wunderbar, uns selbst abzuwerten: „Du bist einfach zu blöd, nie kannst du mal was klar entscheiden, immer brauchst du ewig, drehst eine Runde nach der anderen und kommst allein zu keinem Ergebnis. Kannst du nicht einmal was auf die Reihe kriegen?“

Dabei geht es bei solchen Ambivalenzen weniger darum, dass wir uns sofort für eine Variante entscheiden, Kreise ziehen kann sehr nützlich sein, sondern vielmehr darum, dass wir klären, was dahintersteckt.

Ein Beispiel: Eine erfolgreiche Agenturchefin, 42, steht vor der Entscheidung A) einfach so weitermachen, was ihr aber langweilig erscheint oder B) für mehr Pepp und neue Erfolge zu sorgen, indem sie sich mit ihrem Namen mehr in die Öffentlichkeit wagt oder C) etwas ganz Neues anzufangen.

Ich kürze hier ab: Am Ende des Coachings stand nicht die Entscheidung für eine der Varianten. Sondern: Die Klärung der Bedürfnisse, die diese Wahlmöglichkeiten überhaupt ins Spiel gebracht hatten, machten ein Entweder A), B) oder C) überflüssig.

Das mag einige Leser überraschen, stellt aber einen durchaus geläufigen Ausgang eines Entscheidungscoachings dar. Die Agenturchefin erkannte in sich einen starken Wunsch nach Einzigartigkeit, für den sie sich immer geschämt hatte („Wer glaubst du eigentlich, der du bist?!“) und der sich mit einem ebenfalls vorhandenen Sicherheitsbedürfnis („Vorsicht, tu dir nicht weh!“) heftige innere Kämpfe lieferte. Daher hatte sie sich nie weiter aus der Deckung getraut, sich gleichzeitig aber dafür verachtet, so gewöhnlich zu sein.

Nun könnte man sagen, dass sich damit ja nur ein weiterer Entscheidungskonflikt aufgetan hat, nämlich der zwischen Einzigartigkeit und Sicherheit – zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschließen. Entweder will ich was Tolles reißen, wage ich mich aus dem Schutz und mache mich dabei verletzbar oder ich bleibe, wo ich bin und mich auskenne.

Mit Entweder-Oder kommt man auch hier nicht weiter. Ich denke: Wenn beide Bedürfnisse zu einer Person gehören, haben auch beide ihre Berechtigung. Eines ab- und das andere aufzuwerten, ist menschlich und nachvollziehbar, aber wenig hilfreich. Zunächst ist es erleichernd zu erfahren, dass es völlig normal ist, widerstreitende Bedürfnisse zu haben. „Meine Güte, bin ich heute wieder ambivalent!“, witzelte zum Beispiel Gunter Schmidt, der Pionier der systemisch-lösungsorientierten Beratungsansätze vom Milton-Erickson-Institut in Heidelberg während des Seminars „Ambivalenz und Zerrissenheit als Kompetenz“, vergangene Woche.

Effektiver ist es, herauszufinden, was die Bedürfnisse bedeuten und zwar nicht allgemein, sondern nur für die betroffene Person: Wo kommen sie her? Wer leiht ihnen seine Stimme? Wie sieht das Bedürfnis aus? Wie fühlt es sich (an)? Und: Welche Sorgen macht sich das Bedürfnis? Klingt verrückt? Hier ein Beispiel: Sicherheit hat möglicherweise Angst vor Verletzungen, während Einzigartigkeit sich Sorgen macht, übersehen zu werden.

Sehen Sie sie auch? Die nützliche Seite dieser Bedürfnisse und ihrer Ängste? Sie wollen nicht nur das Beste für denjenigen, sie ergänzen sich dabei auch noch! Die Agenturchefin hat diese Bedürfnisse in ihrem Entscheidungsstress als gegenseitige Behinderung erlebt, nun weiss sie ihre hilfreiche Funktion zu schätzen.

„Ob aus einem Problem eine bereichernde Lösung werden kann, hängt von der Art ab wie auftauchende Unterschiede im Erleben des Einzelnen bewertet und behandelt werden.“ Ich zitiere hier nochmal Gunther Schmidt aus einem Skript zum oben genannten Seminar.

Die Agenturchefin hat sich im Laufe des Coachings aus der Opferrolle („Ich bin unfähig und außerdem habe ich eine Macke!“) in eine Steuerungsposition begeben, aus der heraus sie die unterschiedlichen Strebungen in sich nutzen kann, anstatt sie abzuwerten.

Wie sie sich letztlich entschieden hat, weiss ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass sie mit der Entscheidung kein Problem hatte.

Hier können Sie die bisher in diesem Jahr erschienenen Tipps nachlesen

Januar

Februar

März

April

Mai

Bild: Coloures-pic, Fotolia