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Work-Life-Blending löst Work-Life-Balance ab. Es geht nicht um die Ausbalancierung der verschiedenen Lebensbereiche, sondern um einen konstruktiven Mix von Berufsleben und Privatleben.

 

Work-Life-Balance versucht, Harmonie herzustellen zwischen den Lebensbereichen Gesundheit, Job/Arbeit, Familie/Freunde, Partnerschaft/Privatleben sowie (Lebens)Sinn/Spiritualität. Finanzberater wissen längst, dass sich diese Lebensbereiche in den seltensten Fällen so sauber voneinander trennen lassen. Wie sollte das auch aussehen? Jeweils drei Stunden am Tag für die einzelnen Lebensbereiche, vielleicht ein wenig mehr für den Job?

Work-Life-Blending hingegen heißt: Die Lebensbereiche werden immer mehr miteinander vermischt, Work und Life werden nicht als diametrale Pole, als Minus-Pol und Plus-Pol verstanden, sondern als zwei Seiten einer Medaille – zum Beispiel: Während des Kindergeburtstages des Filius führt der Finanzberater das wichtige Kundentelefonat, weil der Kunde jetzt Zeit hat – und nicht später, nach der Geburtstagsfeier. Und er nimmt sich die Freiheit, Kundentermine so zu legen, dass er am Mittwochnachmittag die Ballettaufführung der Tochter besuchen kann.

Unternehmen und Mitarbeiter: Spielregeln definieren

Natürlich ist Work-Life-Blending dem selbstständigen Finanzberater eher möglich als dem angestellten, der solche Regelungen mit dem Arbeitgeber absprechen muss. Dabei erwartet der Arbeitgeber oft wie selbstverständlich, dass der Finanzberater in seiner Freizeit immer und ständig erreichbar und verfügbar ist – die modernen Kommunikationsmedien und das Smartphone ermöglichen dies. Anders sieht es mit der Akzeptanz aus, wenn das Privatleben in den beruflichen Bereich hinüber schwappt. Dies wird von Arbeitgeberseite oft nicht gerne gesehen, obgleich so mancher Finanzberater motivierter bei der Sache ist, wenn es ihm gestattet ist, die Lebensbereiche derart zu mixen, dass er am Arbeitsplatz Privates erledigen darf.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die modernen Kommunikationsmedien: Wer mit dem Smartphone verwachsen und Tag und Nacht online ist, liest auch nach Dienstschluss die berufliche SMS – und beantwortet die wichtige Frage des Kollegen oder der Chefin – das freut die Unternehmen. Andererseits: Wer einen privaten Tweet am Arbeitsplatz erhält, wartet nicht bis zum Feierabend mit der Reaktion und dem Retweet – das sollten die Firmen dann gleichfalls gestatten.

Hier müssen die Beteiligten in der Zukunft Spielregeln definieren, die den Erwartungen und Bedürfnissen beider Seiten gerecht werden.

Vertrauenskultur als Voraussetzung

Zu den Spielregeln gehört: Die Finanzdienstleistungsunternehmen müssen die Rahmenbedingungen schaffen, die es den Beratern ermöglichen, am Arbeitsplatz Privates erledigen zu dürfen. Zudem ist der Abschied von der leidigen Präsenzkultur notwendig, die unter dem Motto steht: „Derjenige leistet am meisten, der nach den Kundenbesuchen am längsten im Büro hockt.“ Entscheidend ist die Qualität der Ergebnisse, nicht die Quantität der Anwesenheit – diese Denkweise sollte Einzug in den Firmen halten. Und die Finanzberater dürfen die so entstehenden Freiheiten natürlich nicht ausnutzen.

Das Unternehmen wiederum darf den Anspruch der privaten Verfügbarkeit der Berater nicht übertreiben – ansonsten droht aufseiten der Mitarbeiter der Dauerstress oder gar der Burnout. Zugleich muss es sich von der Vorstellung verabschieden, die Berater ständig kontrollieren zu können.

Also: Work-Life-Blending setzt eine tiefgreifende und umfassende Vertrauenskultur zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter voraus.

 

Sinnvolle Arbeit – sinnerfülltes Leben

Kommen wir zu den selbstständigen Finanzberatern. Sie verfügen über die Option, den Work-Life-Blending-Mix relativ eigenständig kreieren zu können. Dazu ist es notwendig, zunächst einmal die Tatsache zu akzeptieren, dass sich die Trennlinie zwischen den Lebensbereichen und insbesondere zwischen Berufsleben und Privatleben auflöst.

Diese Akzeptanz gelingt nur, wenn sich der Finanzberater von der Denkweise verabschiedet, es gäbe den glückverheißenden Feierabend und das erholsame Wochenende auf der anderen Seite und die anstrengende Arbeit und den 8-Stunden-Arbeitstag auf der anderen. Zielführender ist die Überzeugung, die sinnvolle Arbeit sei ein elementarer Baustein eines sinnerfüllten Lebens.

 

Mit Prioritäten gegen die Selbstausbeutung

Work-Life-Blending birgt für einige Berater die Gefahr, die Selbstausbeutung voranzutreiben. Während des Joggens neue Strategien der Kundenansprache ausbaldowern, unter der Dusche den Gesprächsleitfaden verfeinern, sich zu Hause kurz für eine Stunde aus dem Familiengeschehen ausklinken, um die Agenda für die morgige Verhandlung zu erarbeiten – das kann belastend wirken. Aber auch Spaß machen.

Der Finanzberater sollte darum zum Selbstcoaching fähig sein, also sein Leben – beruflich und privat – eigeninitiativ steuern, indem er notwendige Veränderungsprozesse analysiert und die erforderlichen Umsetzungsschritte in Gang setzt. Dazu gehört, entschlossen Prioritäten zu setzen und mutig Entscheidungen zu treffen: Als Selbstcoacher fragt sich der Finanzberater ständig, was ihm in welcher Lebenssituation wichtig ist und was nicht. Und dann ist er in der Lage, beim Überschwappen des beruflichen Bereichs in den privaten Bereich konsequent Nein zu sagen, um sich auf das Hier und Jetzt, auf das Familiengeschehen oder das Fußballspiel des Sohnes oder das Gespräch mit Freunden und Partner zu konzentrieren. Die Agenda und der Gesprächsleitfaden müssen warten – jedoch nicht bis zum nächsten Arbeitstag, sondern bis zur nächsten freien Stunde im Privatleben.

Dieser Beitrag ist erschienen auf vertriebsnachrichten.de

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