Doch! Ich weiß es!

By September 1, 2015Selbstcoaching
Selbstcoaching, 30 Minuten, 86 Tools, Stefanie Demann, Wolfsburg, Seminare, Trainings, Bücher, Buch, Autorin, Coaching, Rhetorik, Kommunikation, Workshop, Gabal Verlag, Fehlerintelligenz

Vieles von dem, was wir ganz schrecklich finden, ist es gar nicht. Entscheidend ist, welche Bedeutung wir den Dingen geben. So eröffnen sich Selbstcoacher Wahlmöglichkeiten und befreien sich von unnötigen Zwängen.

Kürzlich hatte ich eine Begegnung der Dritten Art mit einer Person, die sich wahrscheinlich nie für Selbstcoaching erwärmen wird. Im Lästerton zog sie über die Ehefrau eines Vereinsmitglieds her, die sie kaum kannte, was das für ein Weibsbild sei und dass er für die doch viel zu schade wäre, etc. pepe. Als ich zu bedenken gab, dass wir doch gar nicht wüssten, wie es sich wirklich verhält, schlug die Frau mit der Faust auf den Tisch und rief: „Doch! Ich weiß es!“

Oops, sie hätte Selbstcoaching wirklich nötig gehabt.

Selbstcoacher glauben nicht, dass ihre Sicht der Dinge die einzig richtige ist. Sie wissen, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, die Dinge zu betrachten. Sie sind deshalb immer auf der Suche nach einer noch besseren Sicht.

Es lohnt sich, hin und wieder zu fragen: Kann es eventuell sein, dass nicht nur meine Sicht der Dinge die einzig wahre ist? Also, rein theoretisch… Das ist nicht so leicht, da wir unsere Sicht ja gerne als das Nonplusultra betrachten. Alles wäre ja auch viel einfacher, wenn andere endlich auch so denken würden wie wir, nicht wahr?

„Ach du Scheisse!“, entfuhr es vor Jahren meinem Mann, als ich ihn anrief, um ihm aufgeregt mitzuteilen, dass ich einen Redner-Wettbewerb gewonnen hatte und der Preis eine Rede vor 300 Kongress-Teilnehmern am nächsten Tag war. Für mich eine Riesen-Anerkennung, wäre für ihn der Preis eine Strafe gewesen.

Was für den einen schlimm ist, ist es für andere noch lange nicht. Man könnte sagen: Phänomene sind zunächst weder gut noch schlecht, sie haben überhaupt keine Bedeutung, bis wir sie ihnen verleihen. Aber wir hätten doch so gerne Eindeutigkeit. Kann nicht einmal einfach etwas so sein, wie es wirklich, wirklich ist?! Nö. Kann es nicht. Wegen dieser Sehnsucht sind Fundamentalisten so erfolgreich: Sie versprechen Eindeutigkeit: So isses! Fertig! Selbstcoacher wissen aber, dass es diese Eindeutigkeit nicht gibt.

Jetzt muss man deswegen aber nicht verzweifeln. Im Gegenteil: Die Mehrdeutigkeit der Dinge, die uns passieren, ist auch eine große Chance. Denn wir haben nun die Wahl: Wir können uns dafür entscheiden, etwas ganz, ganz furchtbar zu finden: „Mein Sohn schafft die Schule nicht! Ich habe versagt…“ Oder wir geben der Sache einen anderen Dreh: Das Kind hadert mit der Schule, ok, aber was ist eigentlich los?

Ein anderes Beispiel: „Bei der Urlaubsplanung hat wieder keiner Rücksicht auf mich genommen. Die machen das doch mit Absicht!“ Wer kennt das nicht? Der Nachbar, der sein Auto gegenüber immer so parkt, dass man schlecht aus dem eigenen Carport kommt. Die Verkäuferin, die einen geflissentlich übersieht. Der Zeitungsbote, bei dem die Titelseite der Zeitung ständig zerrissen ist. Der Lehrer, der es auf das eigene Kind abgesehen hat. Der Kollege, der Informationen nur rausrückt, wenn er muss. Die Kollegin, die bei jeder Begegnung eine spitze Bemerkung macht. Der Chef, der immer den anderen die guten Projekte gibt. Sie alle rufen Frust hervor. Und man selber kann gar nichts dagegen tun. Oder gibt es etwa eine Möglichkeit, diese Sachverhalte aus einer anderen Perspektive zu sehen? Einer, bei der wir mal nicht im Mittelpunkt stehen?

Nur mal angenommen, wir lehnten den angeblich unvermeidlichen Frust einfach ab? Wie könnten die Sachverhalte dann noch aussehen?

Hm, vielleicht ist die Urlaubsplanung doch nicht extra deswegen gemacht worden, um mich zu ärgern. Die Kollegen haben einfach ihre Wünsche durchgesetzt. Ich sollte nächstes Mal vielleicht auch nachdrücklicher sagen, was ich will.

Der Nachbar hat wahrscheinlich noch nie bemerkt, dass es für mich so schwieriger mit dem Rausfahren ist. Ich könnte ihn ja einfach mal bitten, zwei Meter weiter zu parken.

Die Verkäuferin hat vielleicht grade von ihrer Kündigung erfahren und gibt für die restliche Zeit einen Pfurz auf die Kunden.

Fällt Ihnen zu den anderen Beispielen eine andere Möglichkeit ein, als sich zu ärgern?

Das Schöne an der Mehrdeutigkeit der Dinge, die uns passieren, ist, dass wir uns damit Wahlmöglichkeiten eröffnen, die die „Doch! Ich weiß es!“-Fundamentalistin nie haben wird. Für sie gibt es nur diese eine Möglichkeit. Selbstcoacher hingegen haben immer eine Auswahl. Wie an einem riesigen Frühstücks-Büffet.

Hier können Sie die bisher in diesem Jahr erschienenen Tipps nachlesen

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

Foto: Floydine, Fotolia.com