Vertraut euren Mitarbeitern!

Selbstcoaching, 30 Minuten, 86 Tools, Stefanie Demann, Wolfsburg, Seminare, Trainings, Bücher, Buch, Autorin, Coaching, Rhetorik, Kommunikation, Workshop, Gabal Verlag, Fehlerintelligenz, Führung, Vortrag, Vorträge, innerer Coach

Herr Müller aus der Marketingabteilung betreut die Hausaufgaben seiner Kinder vom Büro aus – die modernen Kommunikationsmedien machen es möglich. Vertriebsleiterin Schmitt unterbricht ihren Arbeitstag, um für anderthalb Stunden das Fußballmatch ihres Sohnes zu verfolgen. Kollege Fischer aus dem Einkauf führt um 15 Uhr, mitten am Arbeitstag, ein wichtiges privates Telefonat. Für die meisten Unternehmen sind das auch heute noch No-Gos, unhaltbare Zustände: Sie verbieten ihren Mitarbeitern strikt sämtliche privaten Aktivitäten während der Arbeitszeit.

Das Pikante daran: So allergisch die Unternehmen darauf reagieren, wenn ihre Mitarbeiter am Arbeitsplatz „privatisieren“, so sehr erwarten und fordern sie umgekehrt, dass ihre Mitarbeiter jederzeit für sie privat verfügbar sind. Meldet sich der Chef auf dem Handy, hat der Mitarbeiter auch nach 19 Uhr gefälligst ranzugehen. Ist kurzfristig eine Dienstreise geplant, hat die Mitarbeiterin ihren Koffer zu packen – ihr Problem, wie sie die Kinderbetreuung dann kurzfristig umorganisiert.

Aus Unternehmensperspektive darf das Berufsleben gern auf das Privatleben der Mitarbeiter übergreifen. Aber dass das Privat- ins Berufsleben hinüberschwappt, ist nicht erwünscht. So selbstverständlich das dienstliche Smartphone zum Urlaubsgepäck vieler Führungskräfte gehört, so wenig dürfen sie vom Firmen-PC aus private E-Mails schreiben. So sehr von Mitarbeitern, die Kinder haben, erwartet wird, dass sie das ganze Jahr über für Geschäftsreisen auf Abruf zur Verfügung zu stehen, so wenig Verständnis hat man dafür, dass sie gemeinsam mit der Familie Urlaub nehmen wollen.

Ein Grundproblem: Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit werden bis dato meist in Anwesenheitsstunden und -minuten gemessen und nicht in Produktivität. Wer von morgens bis abends im Büro sitzt und jede
Menge Überstunden schiebt – also vor allem präsent ist –, der genießt meist eine höhere Reputation als derjenige, der weniger Stunden absitzt. Selbst wenn Letzterer in diesem Zeitraum viel effektiver agiert und einen viel besseren Output hat.

Diese Präsenzkultur hat – gepaart mit der scharfen Trennline zwischen Work und Life, die die Unternehmen ziehen – viele Nachteile. Zum Beispiel entzieht sie Mitarbeitern Energie, die sie im Arbeitsprozess gut gebrauchen könnten: Wer ständig darüber nachdenken muss, wie er Arbeit und Leben verknüpfen soll, kann sich nicht mehr gut auf Meetings, Kundengespräche und Verhandlungen konzentrieren. Reiben sich Mitarbeiter im Spagat zwischen den Lebensbereichen auf, drohen schlimmstenfalls Demotivation oder gar Burnout. Zudem stoßen Firmen, die die Trennlinie nicht auflösen, gerade junge und hoch qualifizierte Mitarbeiter ab, die es heute oft als Selbstverständlichkeit betrachten, die Lebensbereiche zu vermischen.

Schon aus Selbstzweck sollten Firmen also ein Interesse daran haben, beide Augen zuzudrücken, wenn Mitarbeiter während der Arbeitszeit Hausaufgaben betreuen, private Termine wahrnehmen oder kurz mit dem Freund skypen. Sie sollten sich endlich dazu durchringen, ein Work-Life-Blending zuzulassen, das nicht nur ihnen selbst, sondern auch ihren Mitarbeiter dient. Sie sollten aufhören, mit zweierlei Maß zu messen. Dafür freilich müsste es zunächst einen Bewusstseinswandel geben. Wollen Unternehmen vom vollen Einsatz ihrer Mitarbeiter profitieren, dann sollten sie als Erstes kritisch prüfen, ob sie in ihrer Erwartung, die Mitarbeiter sollten immer und überall einsatzbereit sein, den Bogen nicht überspannen.

Sind die Erwartungen an die Mitarbeiter wirklich gerechtfertigt? Oder bauen sie nur unnötigen Druck auf? Was aber ist, wenn Mitarbeiter ihr privatpersönliches Engagement am Arbeitsplatz übertreiben? Zugegeben: Die mitarbeiterorientierte Vermischung von Work und Life führt zum Verlust von Kontrollmöglichkeiten durch das Unternehmen. Doch dieses Risiko müssen die Firmen eingehen. In der Abwägung von Gefahren und Nutzen wiegt der Nutzen einfach höher. Es ist aber nicht damit getan, Rahmenbedingungen für einen Work-Life-Blend zu schaffen, der den Mitarbeitern zugute kommt.
Heimarbeitsplätze, hochflexible Arbeitszeiten, die freie Nutzung aller Kommunikationsmöglichkeiten am Arbeitsplatz – all das ist wichtig, aber es nützt wenig, wenn nicht das Wichtigste dazukommt: gegenseitiges Vertrauen.

Unternehmen sollten endlich das Grundmisstrauen gegenüber ihren Mitarbeitern aufgeben.

Dieser Artikel ist unter dem Titel „Unternehmen sollten das Misstrauen gegenüber ihren Mitarbeitern aufgeben“ in der Speakers Corner der Fachzeitschrift managerSeminare erschienen, Ausgabe 206, Mai 2015, S. 16-17.

Sie können das pdf kostenlos runterladen von http://www.managerseminare.de/ms_Artikel/Stefanie-Demann-ueber-Work-Life-Blending-Unternehmen-sollten,235247

Mehr über Work-Life-Blending steht in meinem neuen Buch „Selbstcoaching für Führungskräfte“

Autorin: Stefanie Demann

Foto:  denio109 – Fotolia.com

Hinterlasse eine Nachricht