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Work versus Life?

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass eine gute Idee gerade dann durch Ihr Hirn blitzt, wenn Sie mal abgeschaltet haben, zum Beispiel beim Unkrautzupfen oder Sonnenbaden? Ist das dann Arbeit oder Privatleben? Schieben Sie die Idee beiseite, weil ja jetzt Feierabend ist? Selbstcoacher trennen das nicht. Für sie macht Work-Life-Balance ohnehin keinen Sinn.

 

„Der Begriff ‚Work Life Balance‘ ist semantischer Unsinn“, meint Coach Markus Mayer. Es gehe nicht darum, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben zu finden. „Wichtiger ist die Balance zwischen Tun und Sein – und zwar in jedem Lebensbereich.“ Arbeit und Leben zu trennen, hieße ja, dass Arbeit außerhalb des Lebens stattfindet. Selbstcoacher betrachten Arbeit jedoch als einen wesentlichen Bestandteil ihres Lebens, den es nicht nur hinter sich zu bringen gilt. Zudem suggeriert die Gegenüberstellung von Work-Life, dass die Arbeit anstrengend ist, uns Energien raubt. Das Leben hingegen angenehm ist und unseren Energiespeicher auffüllt. Selbstcoacher denken so nicht. Sie entwickeln ihr persönliches System, um Anstrengung und Erfüllung sowohl privat als auch beruflich in Einklang zu bringen.

 

Prinzipien, mit denen Selbstcoacher eine Balance innerhalb von Arbeit und Privatleben herstellen:

 

Bei der Arbeit suchen Selbstcoacher Im Privatleben
anspruchsvolle Aufgaben, die sie nicht überfordern lassen sie sich von anderen unterstützen und entlasten
Aufgaben, die den eigenen Fähigkeiten entsprechen erschließen sie sich neue Interessengebiete, ohne es zu übertreiben
Aufgaben, die Entwicklungspotenzial bieten gehen sie achtsam mit sich und anderen um
Aufgaben, die zu ihren Werten passen und dem, was ihnen wichtig ist pflegen sie ihre Hobbies und die Beziehungen zu Freunden

 

Das Ende der Privatsphäre?

Anstatt eine Balance von Arbeit und Leben herstellen zu wollen, vermischen Selbstcoacher die beiden Bereiche sinnvoll. Das bedeutet nicht, dass sie kein Privatleben mehr haben. Im Gegenteil: Work-Life-Blending ermöglicht es dem Wissensarbeiter genauso wie der Führungskraft die Ballett-Aufführung der Tochter oder das Punktspiel des Sohnes zu besuchen, auch wenn sie nachmittags mitten in der Woche stattfinden. Vorausgesetzt, der Arbeitgeber spielt mit. Wer in einer Präsenzkultur arbeitet, in der verliert, wer als Erster das Büro verlässt, hat schlechte Karten. Selbstcoacher vertrauen darauf, dass sich die Kultur vieler Unternehmen dahingehend verändern wird. Der Fachkräftemangel und die Forderungen junger, gefragter Fachleute macht es möglich.

 

Hat Work-Life-Balance ausgedient?

Junge Wissensarbeiter und angehende Führungskräfte haben früh gelernt, dass lebenslange Arbeitsplatzgarantien der Vergangenheit angehören. Wer heute für den Arbeitsmarkt attraktiv bleiben will, kann nicht nach der Devise „Arbeit gegen Geld“ leben. Von Wissensarbeitern wird nicht mehr nur exzellente Leistung erwartet, sondern auch Eigeninitiative, und -verantwortung, unternehmerisches Denken, Kreativität, kontinuierliches Lernen und persönliche Weiterentwicklung.

 

Sechs neue Voraussetzungen für Work-Life-Blending:

  1. Die technischen Voraussetzungen: Die Möglichkeiten, die das Internet jedem bietet, machen sich Selbstcoacher zunutze. Sie haben von mobilen Geräten jederzeit Zugriff auf Informationen, auch nach Feierabend. Dabei sind sie bewusst „on“ und nicht „always on“.
  2. Der Umgang mit Wissen: Selbstcoacher teilen ihr Wissen gerne. Denn wer nützliches Wissen teilt, steigert seinen Bekanntheitsgrad und damit seinen Wert. Besonders wertvoll sind Wissensarbeiter, die Trends, Muster oder etwas gänzlich Neues entdecken.
  3. Transparenz: Transparenz erhellt die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, in dem Führungskräfte ihren Mitarbeitern mitteilen, warum sie nur bis mittag da sind (weil um 14 Uhr die Aufführung oder das Punktspiel ist). Privates muss nicht mehr zwangsläufig aus dem Büro herausgehalten werden.
  4. Ergebnisse statt Präsenz: Wer seine Zeit bloß absitzt oder Dienst nach Vorschrift macht, wird bald von denjenigen überholt, die bessere Ergebnisse abliefern, obwohl sie immer erst um zehn im Büro erscheinen.
  5. Der Spaß-Faktor: Junge Mitarbeiter und Führungskräfte wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, wann und wie sie Arbeit tun. Sie fokussieren sich auf Ergebnisse und der Weg dorthin soll so abwechslungsreich und spannend sein wie möglich. Arbeit soll Spaß machen!
  6. Vertrauen: Unternehmen merken, dass der Leitspruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ nicht mehr funktioniert, sondern Motivation zerstört. Leistrungsträger verlangen ein hohes Maß an Freiheit, um exzellente Ergebnisse zu liefern. Wer ihnen mit einer Stechuhr kommt, bremst ihren Elan. Work-Life-Blending setzt Vertrauen in die Mitarbeiter voraus, das mit überdurchschnittlichem Einsatz belohnt wird.

 

Brennen statt ausbrennen

Voraussetzungen für Work-Life-Blending sind die Bereitschaft der Unternehmen, ihren Mitarbeitern zu vertrauen und neue Wege zu gehen. Das funktioniert nur, wenn Unternehmen die gewährten Freiheiten nicht nur zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen. Nach dem Motto: Jetzt, wo du den Home-Office-Zugang hast, kannst du ja auch nachts noch E-Mails beantworten. Oder: Dank deines Smartphones, dass du von uns bekommen hast, dürfen wir dich nun auch im Urlaub anrufen. Work-Life-Blending bedeutet nicht, dass der Wissensarbeiter nun seinem Arbeitgeber 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht. Es bedeutet, dass er sich seine Arbeit so einteilen kann, dass die Ergebnisse stimmen und er sein Privatleben optimal damit verbinden kann – zum Vorteil des Unternehmens.

 

Work-Life-Blending ist kein Allheil-Mittel, aber es hilft Wissensarbeitern und Unternehmen im Wettbewerb besser zu bestehen.

Vorteile Nachteile
Wissensarbeiter können leichter ihr ganzes Potenzial entfalten Die Anforderungen an Wissensarbeiter steigen
Privates lässt sich leichter mit dem Beruflichen in Einklang bringen – und umgekehrt Unternehmen können sich mehr ins Privatleben einmischen
Anspruchsvolle Mitarbeiter sind motivierter, weil sie mehr Freiheiten haben Mitarbeiter können Freiheiten zu Ungunsten des Unternehmens ausnutzen
Unternehmen profitieren vom vollen Einsatz ihrer Mitarbeiter Dauerstress, wenn Mitarbeiter nicht abschalten und Nein-Sagen können
Wissensarbeiter belohnen den Vertrauensbeweis ihres Unternehmens mit außergewöhnlichen Lösungen Unternehmen gehen das Risiko ein, ihre Mitarbeiter nicht mehr vollständig kontrollieren zu können
Einen Work-Life-Blend zu kreieren fördert die persönliche Weiterentwicklung Einen Work-Life-Blend zu kreieren geht nicht ohne Aufwand

 

So kreieren Sie sich Ihren persönlichen Work-Life-Blend

Jeder Mensch entscheidet selbst, welche Mischung für ihn die richtige ist. Um einen gesunden Work-Life-Blend hinzubekommen, helfen diese sieben Blend-Regeln:

 

  1. Prioritäten bleiben konstant, damit eine Führungskraft nicht von den Prioritäten anderer überrannt wird. Selbstcoacher fragen sich: Was ist wirklich wichtig? Und handeln danach. Alles andere können Sie warten lassen oder delegieren.

 

  1. Rechnen Sie stets mit Veränderungen auf den Ebenen unterhalb Ihrer Prioritäten und zeigen Sie sich dort flexibel, ohne Ihre Prioritäten zu verlassen.

 

  1. Selbstcoacher haben 168 Stunden pro Woche, um ihre Ziele zu erreichen. Was zählt, ist das Ergebnis, nicht, dass es zwischen neun und fünf erreicht wird.

 

  1. Selbstcoacher können gut Nein-Sagen. Ihr Fokus liegt auf ihren Prioritäten.

 

  1. Selbstcoacher sind gute Netzwerker. Sie wissen, bei wem eine Aufgabe besser aufgehoben ist, was das Nein-Sagen ungemein erleichtert. Viele Führungskräfte, die vor lauter Aufgaben nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, können schlicht und einfach nicht delegieren oder Nein-Sagen.

 

  1. Transparenz ist Selbstcoachern ein wichtiger Grundsatz: Sie teilen sich mit und ihr Wissen großzügig mit anderen. Das stärkt wiederum ihr Netzwerk. Führungskräfte informieren ihre Mitarbeiter darüber, was ihre Prioritäten sind. Wenn Ihre Mitarbeiter wissen, was welche Dringlichkeit besitzt, senken Sie die Störungsfrequenz enorm.

 

  1. Gesund leben: „Are you too busy to go to the restroom?” titelte kürzlich die Huffington Post. Selbstcoacher gehen achtsam mit sich um. Verkneifen Sie sich nicht das Glas Wasser, nur, weil Sie dann in einer halben Stunde aufs Klo müssen. Und wenn Sie gehen: Lassen Sie das Smartphone am Platz. Selbstcoacher halten auch ihre Beziehungen gesund: Nehmen Sie sich die Zeit für ein Telefonat mit dem besten Freund, bevor er Ihr ehemals bester Freund wird.

 

Fazit: Führe, wie du geführt werden willst

Selbstcoacher, die Führungskräfte sind, gehen dabei mit gutem Beispiel voran. Sie führen so, wie sie selbst geführt werden wollen. Das Vertrauen, das sie einfordern, gewähren sie auch ihren Mitarbeitern. Künftig wird es auf die Art und Weise ankommen, mit der Führungskräfte ihre Mitarbeiter behandeln: Scheren sie alle über einen Kamm, normiert und kontrolliert? Oder bieten sie jedem Einzelnen eine Umgebung, in der sich jeder so einbringen kann, dass sowohl das Unternehmen als auch der Mitarbeiter einen Gewinn davon hat?

Dieser Beitrag ist erschienen wissensmanagement 1/2015, dem Magazin für Führungskräfte, S. 14-15.

Mehr über Work-Life-Blending steht in meinem neuen Buch „Selbstcoaching für Führungskräfte“

Foto: Stefanie Demann